annyxxx

kunterbunte Welt

Lange Wege

| 1 Kommentar

Für mich ist jeder Tag wie ein Kampf – ich muss gerüstet sein für alles was da kommen mag, denn nie kann ich wissen, wie der Tag verlaufen mag.
Hab ich heute einen guten Tag mit meinem Kind oder hat die Depression sie wieder so fest im Griff, das das Loch in dem sie sitzt tiefer ist als der tiefste Krater.

Ein normales Gespräch kann auf einmal wie aus dem nichts ins Gegenteil umschlagen und schwups hab ich nicht nur Beschimpfungen und Beleidigungen die mir um die Ohren zischen sondern auch Tränen die ich nicht trocknen darf. Jeder Körperkontakt ist dann zu viel – allein meine Anwesenheit schon unerträglich für sie.
Und ich sitze da, zwischen den Gefühlen sie in den Arm nehmen zu wollen oder richtig zu vergallern ( JA ich gebe zu manchmal möchte ich sie packen und so lange schütteln bis sie mal wirklich sieht was sie da macht ). Ich fühle mich hilflos und allein. Kein Lehrbuch, das ich aufschlagen kann um nachzulesen was ich wie machen sollte… alles kann richtig sein oder auch falsch – nie weiß ich es.
Schreien oder liebevolle Worte – so oder so beides immer irgendwie falsch. Nichts mache ich richtig. In dem einem Moment will sie in den Arm und im nächsten stößt sie mich weg, wie etwas vor dem man sich extrem ekelt.

Nach meinem ersten Artikel ist mir eigentlich erst richtig klar geworden, wie viele Mamis und Papis jeden Tag einen solchen Kampf durchstehen müssen – leise ungehört am Rande der Gesellschaft. Ein Kommentar hat es mit nur wenigen Worten auf den Punkt gebracht : „Die Leute…“
Ja ganz genau, die Leute – ich muss mich für etwas schämen, für das ich mich nichts kann, das ich gerne am liebsten gar nicht hätte, gegen das ich aber nichts tun kann. Und NEIN ICH WILL MICH NICHT SCHÄMEN – Es ist mein Kind und das ist krank ! Das hat sie sich auch nicht selber ausgesucht , nur leider kann man diese Krankheit nicht sehen wie einen gebrochenen Arm. Und auch ich stoße jeden Tag wieder an die Grenze des Verstehens und des ungläubig dastehens. Ich weiß nicht welche Gedankengänge da in ihrem Kopf vor gehen und meist läßt sie mich und auch keinen anderen daran teilhaben. Wenige Momente in denen sie sich öffnet, zeigen mir ein dunkles Tal – wie einen Wald bei finsterer Nacht und in dem hat sie sich verlaufen. Ich wäre gerne die Taschenlampe, doch ich kann es nicht sein. Sie muss selber den Weg finden und ihr eigenes Licht werden. So hart und bitter diese Realität auch für uns als Eltern und ganz besonders für mich als Mutter sein mag.

Ich denke viel nach und reflektiere mich selbst. Frage mich, was hab ich/wir falsch gemacht ? Wir versuchen den Kindern alles zu geben was wir haben – nicht nur materiell auch emotional. Wir lieben die Kinder und versuchen sie zu behüten, was nicht heißt, das wir sie immer nur in Watte packen. Man muss auch fallen um aufstehen zu lernen. Aber dennoch nagt der Zweifel tief und bitter, das wir etwas falsch gemacht oder übersehen haben.
Was meint ihr, wie oft in meinem Kopf die Fragen schon kreisten :“Hat einer sie angepackt? Wurde sie mißbraucht? Haben wir zu wenig oder zu viel geliebt? Haben wir ihr zu viel Verantwortung in zu frühen Jahren übertragen ? WO IST UNSER FEHLER???“

Wir leben in einer intakten Ehe, in der es auch mal rumpelt und nicht nur das happy Hippie Leben statt findet – und doch fragst man sich immer und immer wieder WAS hab ICH falsch gemacht.
Mich frißt das auf. Ich weiß, ich sollte mich nicht mit dem Warum quälen und mein gesunder Menschenverstand erinnert mich auch immer daran, das nicht zu fragen und doch kommt sie immer wieder.

Nachdem unsere Tochter 3 Wochen in der Klinik war und wir unsere festen Zeiten hatten für Besuch und Telefonate hatte sich für sie die Chance ergeben, das sie hier vor Ort in die Tagesklinik wechseln konnte. Es war ihr Wunsch und auch für uns fühlt es sich gut an sie hier zu haben. Was nicht heißt, das es dadurch leichter wird. Ich empfinde es eigentlich als noch schwerer, da nun wir jeden Tag gefordert sind und nicht nur zu geregelten Zeiten.
Wenn etwas in der Tagesklinik schlecht gelaufen ist, müssen wir es auffangen – meist ich.
Ich weiß nicht warum, aber ich bin immer der Punchingball. Zu ihrem Vater würde sie nie so sprechen wie zu mir und es gibt Momente da wünsche ich mir, sie würde ihren Frust nicht bei mir lassen.
Tage an denen Wiegen und messen ansteht sind immer ganz schwarze Tage für mich. Da kann ich schon um 16 Uhr, wenn sie nach Hause kommt am Gesicht ablesen, das ihr das Ergebnis nicht passt. Dann hält sie mir ewige Vorträge über Sport den sie machen will – ein Sixpack ist das Ziel – und was weiß ich noch alles und im selben Moment schaufelt sie wahllos fettes Zeug in sich rein. Sag ich dazu was – weder positiv noch negativ – bin ich wieder der Arsch weil ich sie an ihr Problem mit dem Essen erinnert habe. Also halte ich lieber den Mund ! Schont meine Nerven !

Endlose Debatten haben wir schon geführt über eine vernünftige Ernährung – ohne Erfolg. Denn wenn ich einen ihrer Irrglauben, was gesundes Essen ist wieder legen kann, ist sie beleidigt und glaubt mir kein Wort. Ich bin inzwischen schon dazu übergegangen, mir Fachbücher mit entsprechenden Aussagen und Belegen bereit zu legen, nur damit sie nicht wieder meint ich würde nur dummes Zeug reden.
Man – ich hab selber zu viel auf den Rippen und hab mich mehr als mein halbes Leben damit beschäftigt, bis ich endlich an den Punkt gekommen bin, das es ist wie es ist und ich mich selber lieben muss – dann geht auch alles andere von allein. Und JA, heute kann ich sagen das ich mich echt mag wie ich bin, auch mit meinen Rundungen. Allerdings wäre ich nie auf den Gedanken gekommen mich in eine Essstörung zu stürzen oder anderes selbstverletzendes Verhalten an den Tag zu legen.

Ganz ehrlich, mir macht das alles Angst – wo kommt das her bei unseren Kinder ( und ich meine jetzt alle Kinder die betroffen sind ) und vorallem wo führt das hin ? Ziehen wir gerade eine Generation groß, die mit 20 schon so durch ist, das sie an Burn out und Co leiden werden, weil sie dem Druck der Gesellschaft, die uns vorgaukelt, das man immer zu jeder Zeit perfekt und makellos sein muss ? Immer die/der Beste, immer schlank, schön und reich ? Ist es das was wir ihnen vorgeben wie das Leben zu sein hat ? Und selbst wenn ich zu Hause versuche „normale“ Werte vorzuleben, kommt der ganze Rotz von den Medien. Alles immer in einer schönen Seifenblase, die den Kindern glauben machen will, DAS wäre das Real Life – zack ein Video bei Youtube gemacht und Multimillionär mit 1000000 Freunden und Followern – immer up to date.
Freundschaften wie ich sie in meiner Kindheit hatte, haben die Kinder von heute im Grunde gar nicht mehr. Der Wert deines Lebens/Charakters wird davon abhängig gemacht wieviele Klicks/Likes ich bekomme. Und klar, hinter der Fassade eines Nicknames wird ruck zuck gehatet/gedissed und einfach eine kleine Seele kaputt gemacht – die zu heilen schwer ist.
Natürlich gab es auch zu unserer Zeit Kinder, die wir gehänselt haben und ich würde lügen, hätte ich das noch niemals auch selber getan, aber wir waren anderes als die Kids heute. Heute sagt dir keiner mehr was ins Gesicht, das läuft schön von zu Hause aus, in der kuscheligen und geschützten Familien Höhle – wo mich keiner sieht und angreifen kann.
Durch die Netzwerke und das hoch puschen der anderen wird das immer mehr zu einer viralen Spirale die keiner abschätzen kann und ZACK – der Shitstorm ist da. Aufeinmal ist das nicht mehr nur einer der dich icht mag, sondern viele und die wissen oft noch nicht mal warum sie die eine Person jetzt beleidigen und fertig machen. Dabeisein in der Gruppe der „straken“ – bloß nicht die Courage zeigen und sich auf die Seite des Opfers stellen, sonst bin ich vielleicht der nächste. So läuft das heute und ich finde das KACKE !!!! ( Musste jetzt mal so deutlich raus!)

Klar kann man nicht immer jeden mögen, das muss man auch nicht, aber man muss lernen auch denen die man nicht mag mit Respekt und Toleranz entgegenzutreten. Leben und leben lassen.
Neid und Hass haben noch nie viel gebracht – und obwohl unsere Gesellschaft alles hat und wir im Überfluß leben, denkt ein jeder von sich er bekäme zu wenig ab vom Kuchen.

Bitte entschuldigt, das ich meine Worte einfach so raus schleuder, ich möchte niemanden vor den Kopf stoßen – nur meinen Gedanken Raum verschaffen und sie aus meinem Kopf entlassen …

Mir macht diese Generation einfach wirklich höllisch Angst und ich weiß nicht, wie ich meine Kinder besser schützen kann um nicht auch in die Spirale zu geraten und in Depressionen zu versinken.

Ein Kommentar

  1. Liebe Anita,
    ihr habt wirklich einen langen Weg vor euch, so etwas braucht sicher viel Zeit.
    Ich stimme dir zu das man heute nicht mehr die gleichen Freundschaften hat wie früher, was aber wohl auch daran liegt das die Kids mehr eingespannt sind vor allem in der Schule. Aber zu Hause muss man als Kind auch Pflichten haben und es bricht sich keiner einen Zacken aus der Krone wenn er mal den Müll raus bringt oder den Spüler ausräumt. 🙂
    Ich wohne neben einem Spielplatz und da hört man weniger Kinderlachen als früher. Wir waren immer auf der Straße am spielen die Straße war bemalt. Sowas gibt es heut nur noch selten im Zeitalter von S-phone und Internet.
    Ich kenne dich ja nicht persönlich aber ich denke so wie ich das bisher immer aus deinen Zeilen lese das du eine tolle Mama bist. Deine Tochter mag im Moment sauer und verbittert auf dich sein aber ich hoffe von ganzen Herzen das sie sich besinnt, öffnet und dich wieder von Herzen liebt. Vielleicht ist wirklich etwas passiert worüber sie noch nicht reden mag ich hoffe ihr findet den Schlüssel zur Lösung.
    Ich wünsche Dir und deiner Familie ganz viel Kraft.
    herzliche Grüße Diana

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.